Ein unterhaltsames Land

„Genießen wie Gott in Anhalt“ erzählt über Geschichte, Menschen und Kochen
Erschienen in der Volksstimme - Wochenendbeilage am 13.10 2012

Sie heißen Nonnenpfortz und Zwiwweltitsche, Ochsenbacke, Semmelklump und Bollenstippe.
Mehr als 150 Magenfüller, Durstlöscher und Appetitstiller sind von Ludwig Schumann und Wolfgang Thurau für ihr Reise-, Geschichten- und Kochbuch
„Genießen wie Gott in Anhalt“ gesammelt worden.

Von Manfred Zander

Besinnlichkeit hinter hohen Mauern.

Häftlinge im Gefängnis Burg veröffentlichen Buch mit Gedanken zum Fest „Weihnachten tut richtig weh“, sagt ein verurteilter Mörder. 577 Männer werden das Fest in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Burg verbringen. Ihre Gedanken und Erinnerungen haben einige der Häft linge in einem Buchprojekt verarbeitet.
Burg  Die bunt geschmückten Weihnachtsbäume auf den grauen Fluren der JVA
Burg sind echte Hingucker. Besuchern zaubern sie ein Lächeln ins Gesicht. Die meisten Häftlinge aber erinnern sie an eine frühere Zeit, eine Zeit in Freiheit.
577 Männer verbüßen momentan hohe Haftstrafen in der JVA Burg. Die Gesetze des Gefängnisses bestimmen ihren Alltag. Auf dem Festprogramm stehen Gottesdienst, Spiel und Sportturniere sowie eine Christfeier. Weihnachten
selbst ist aber bei den meisten Häftlingen ein sehr sensibles Thema.
Jens Böhme, 37, ist einer der Gefangenen. Seit knapp 14 Jahren sitzt er seine Strafe ab, verurteilt wegen Mordes.
Böhme wirkt ruhig, zurückhaltend, in Gedanken versunken. Die hohen Mauern der JVA halten ihn von der Welt in Freiheit zurück und schützen die Menschen da draußen vor ihn. Doch sie bewahren den Langzeitverurteilten nicht vor dem heiteren Trubel zur Adventszeit. „Weihnachten drängt sich überall auf, ist
übermächtig, vor allem im Fernsehen“, sagt Böhme. „Ich versuche, nicht daran zu denken, es wegzuschieben, aber das funktioniert nicht. Weihnachten tut mir richtig weh.“
Seine Gedanken verarbeitet Böhme literarisch. Innerhalb der hohen Mauern besucht er die Schreibwerkstatt „TalentLos!“. Das Projekt wird von Seelsorgerin Jana Büttner und Autor Ludwig Schumann geleitet. Einige der Werke wurden
jetzt in einem Buch veröff entlicht. Sein Name: „24. Dezember. Weihnachtsgeschichten aus dem Gefängnis.“ Enthalten sind Lyrik und Kurzprosa zum Fest von zwölf Autoren. Vier Werke stammen aus Böhmes Feder. Sie erzählen von einem Menschen, der verloren wirkt, abgeschnitten
von der Gesellschaft in Freiheit. Sie berichten vom Hoffen auf eine Zeit nach der Haft. Diese wird frühestens 2014 beginnen. Solange wird Böhme in der JVA Burg einsitzen. Mindestens. Mit Hilfe der Schreibwerkstatt kann er sich seine Gedanken von der Seele schreiben. Seelsorgerin Büttner sagt: „Die JVA ist wie
eine Insel. Die Häftlinge sind sehr verletzlich, auch, weil sie sich in unserem Projekt den Mitgefangenen ein Stück öffnen. Doch sie gehen sehr vorsichtig
miteinander um.“ Manch einer habe sogar etwas Angst vor der eigenen Courage

Die Häftlinge der JVA Burg – hier in blauen Pullovern – erleben Weihnachten oft als bedrückend. Ihre Gedanken haben sie in der Schreibwerkstatt „TalentLos!“ verarbeitet. Mit Projektpartnern, Seelsorgern und Anstaltsleiter Thomas Wurzel (5. v. r.) stellten sie ihre Geschichten und Gedichte einer öffentlichen Runde innerhalb der Gefängnismauern vor.

Foto/Grafik: Anja Guse/Cicero
Von Anja Guse